Wieso Positives Denken Deinen Erfolg verhindert (1/2)

Hier ist eine Aufgabe für Dich: Nimm Dir einmal irgendeinen Traum, den Du schon lange hast, schließe für eine halbe Minute die Augen und stell Dir vor, wie Du diesen Traum erreichst. Wenn Du von einer Beförderung träumst, dann gehe mental den Gang zum Büro Deiner Führungskraft, öffne die Tür, höre die wohltuenden Worte des Lobs und akzeptiere mit einem breiten Grinsen die Beförderung. Wenn Du schon immer in einer Band spielen wolltest, dann fühle die Vibration der Boxentürme auf der Mainstage eines großen Festivals, blicke in die begeisterten Gesichter Deiner Fans und bring das Publikum mit einem atemberaubenden Gitarrensolo zum Ausrasten. Nimm Dir einen Moment, und erfülle Dir Deinen Traum mental. 

Fertig? 

Wie fühlst Du Dich jetzt? Wie ist es, diesen Traum endlich erreicht zu haben? Wie fühlt es sich an, auf dem Zenit des Erfolgs zu sein? Ich vermute mal ziemlich gut. Vielleicht verspürst Du dieses wohlig warme Gefühl um Deine Brust und einen Hauch von Stolz. 

Ich muss Dir etwas gestehen. Mit dieser einfachen Übung, habe ich Dir gerade keinen Gefallen getan. Sie fühlt sich zwar gut an und gibt Dir einen Sinn von Inspiration und Zuversicht für die Zukunft. Doch in Wirklichkeit hat sich gerade die Wahrscheinlichkeit verringert, dass Du dieses Ziel erreichen wirst. 

Die Psychologie des Positiven Denkens

Vermutlich sitzt Du jetzt stirnrunzelnd vor Deinem Bildschirm und denkst Dir „Was redet er da?“. Das ist nur verständlich. Schließlich hören wir in fast jedem Selbsthilfe-Seminar und Ratgeber-Buch, dass wir positiv denken sollten und groß träumen. So ging es mir auch, als ich das erste Mal über die erstaunlichen Studien von Dr. Gabriele Oettingen und ihren KollegInnen stolperte. Tatsächlich ging es ihr sogar selbst so, als sie ihre Daten auswertete. Genauso wie der gesamten psychologischen Forschungsgemeinschaft, als die Studienergebnisse veröffentlicht wurden. 

Dr. Oettingen führte eine Reihe von Studien zum Einfluss positiven Denkens auf unsere Zielerreichung durch. In einer der ersten Studien untersuchte sie beispielsweise übergewichtige Frauen, die an einem Abnehm-Programm teilnahmen. Vor der Teilnahme an dem Programm bekamen die Frauen eine simple Aufgabe, in der sie sich vorstellen sollten, wie gut sie während des Programms mit besonders verlockenden Naschereien umgehen würden, z.B. wenn ihnen jemand einen Teller mit herrlich duftenden Donuts vorsetzen würde. Eine Gruppe an Frauen sollte nun zuversichtlich über die Zukunft fantasieren und sich vorstellen, wie sie der Versuchung aufgrund ihrer hohen Motivation problemlos widerstehen würden. Die andere Gruppe an Frauen wurden hingegen dazu angehalten sich vorzustellen, dass die Donuts sie unglaublich anziehen würden und sie eine wirklich schwere Zeit damit hätten, ihrem Appetit nicht nachzugeben. 

Als Dr. Oettingen nach einem Jahr die Daten auswertete, konnte sie ihren Augen nicht trauen: die Frauen, die zu Beginn vermutet hatten, größere Probleme im Umgang mit den Versuchungen des Alltags haben zu werden, hatten nach dem Jahr ca. 11 Kilogramm mehr abgenommen! Im Gegensatz zu dem damals (auch in der empirischen Psychologie) weit verbreiteten Glaubenssatz, waren nicht die Frauen erfolgreich gewesen, die zuvor eine rosige Zukunft visualisiert und fest an sich geglaubt hatten, sondern jene, die die Probleme schon vorhergesehen hatten. Als kompetente Wissenschaftlerin verstand Dr. Oettingen, dass eine einzige Studie noch nichts beweist und Ergebnisse solcher Experimente von vielen Faktoren beeinflusst werden können. Also wiederholte sie die Studie in einem anderen Kontext. Wieder das gleiche Ergebnis. Und wieder. Und wieder. 

Je positiver HochschulabsolventInnen ihren Berufseinstieg visualisierten, desto weniger Bewerbungen schickten sie in den folgenden zwei Jahren raus, desto weniger Jobangebote erhielten sie und desto weniger Geld verdienten sie zwei Jahre später. Je positiver Studierende sich ihre Note in der anstehenden Prüfung ausmalten, desto schlechter schnitten sie ab. Je positiver Personen darüber fantasierten, mit einer Person zusammenzukommen, in die sie verknallt waren, desto weniger wahrscheinlich war es, dass sie tatsächlich irgendwann mit dieser Person zusammenkommen würden... 

Zwei Arten des Positiven Denkens

Doch konnte es wirklich sein, dass sich PsychologInnen wie Selbsthilferatgeber über Jahrzehnte getäuscht hatten? Nun, beim genauen Hinschauen viel Dr. Oettingen auf, dass es verschiedene Arten des Positiven Denkens gibt, die das „Schicksal“ der Versuchsteilnehmenden in ihren Studien auf unterschiedliche Arten beeinflusst hatten. 

Die erste Art des Positiven Denkens baut auf vergangenen Erfahrungen und Erfolgen auf. „Ich weiß, dass ich letztes Jahr schon einmal bis zum Sommer 5kg abgenommen habe. Deshalb bin ich zuversichtlich, es dieses Jahr wieder schaffen zu können.“ Diese Art es Positiven Denkens hat etwas mit Selbstwirksamkeit zu tun und ist unserer Zielerreichung durchaus zuträglich. Wenn wir bereits die Erfahrung gemacht haben, dass wir mit Herausforderungen umgehen können, dann werden wir weniger schnell entmutigt, wenn die Dinge einmal nicht so laufen wie geplant. Wir wissen, dass wir schon so manche ähnliche Hindernisse überwunden habe, deshalb sind wir zuversichtlich und werden aktiv. Diese Form des Positiven Denkens hat also eine aktivierende Wirkung: sie gibt uns Energie und Tatendrang und führt letztendlich dazu, dass wir mehr erreichen. 

Die Art des Positiven Denkens, die in Dr. Oettingens Studien die Zielerreichung der Studienteilnehmenden behinderte, war allerdings eine andere. Während die oben beschrieben Zuversicht auf vergangenen Erfahrungen und Erfolgen basierte, zeichnete sich das Positive Denken in Dr. Oettingens Studien vielmehr durch eine positive Fantasie über die Zukunft ohne wirkliche Anhaltspunkte und Referenzerlebnisse aus. Die ProbandInnen hatten ihre Zuversicht über ein mögliches Date mit ihrem Schwarm oder den Berufseinstieg im nächsten Jahr nicht auf ihre bisherigen Erfahrungen mit solchen Situationen gesetzt. Vielmehr visualisierten sie eine Wunschvorstellung in ihrem Kopf und gaben sich dieser Fantasie voll hin. 

Das Resultat? Je vollständiger sie sich dieser Vorstellung hingeben konnten, desto realer und desto besser fühlte sich diese Fantasie auch an. Und wie sich in Dr. Oettingens Studien zeigte, war genau das das Problem. Unserem Gehirn fällt es tatsächlich schwer zu unterscheiden zwischen Situationen, die wir tatsächlich erleben und Situationen, die wir lebhaft vor unserem inneren Auge visualisieren. Jenen Personen, denen es besonders gut gelang, sich den Gipfel des Erfolgs vorzustellen, tricksten ihr Gehirn damit aus: sie suggerierten sich, dass sie ihr Ziel tatsächlich schon erreicht hätten. In verschiedenen Studiendesigns zeigten Dr. Oettingen und ihre KollegInnen, dass diese Personen folglich ein geringeres Energielevel hatten – sowohl nach ihren eigenen Aussagen her zu urteilen, als auch unter Berücksichtigung unbewusster Prozesse und physiologischer Maße, wie z.B. dem systolischen Blutdruck. 

Positives Fantasieren über die Zukunft fühlt sich also in dem Moment gut an und hat eine beruhigende Wirkung auf unseren Geist und Körper. Langfristig führt es aber dazu, dass wir unsere Ziele weniger effektiv erreichen und unglücklicher sind. Das zeigen auch die Daten: unmittelbar nach solchen positiven Visualisierungsübungen berichten Personen weniger depressive Symptome als Personen, die diese Übungen nicht durchführen. Doch wenn man einige Monate später die beiden Gruppen vergleicht, zeigt sich ein anderes Bild: jetzt zeigt die erste Gruppe plötzlich mehr depressive Symptome, als die zweite. 

Positives Denken ist nicht genug

Dr. Oettingen war von diesen Ergebnissen ebenso überrascht wie die wissenschaftliche Community. Tatsächlich war sie zunächst sogar etwas enttäuscht. Sie hatte gehofft, dass das Träumen über eine bessere Zukunft den Menschen helfen würde, sich zu motivieren und für die Erreichung dieser Träume zu arbeiten. Stattdessen hatte sich herausgestellt, dass die Menschen sich allzu schnell in diesen Träumen verlieren und in Passivität versinken können. 

Doch ganz wollte sie ihre Hoffnung noch nicht aufgeben. Tatsächlich wusste sie aus ihrer vorherigen Forschung, dass Träume und positives Denken durchaus einen positiven Nutzen haben können. Doch ihre neuen Studien führten sie zu der Annahme, dass wir diese Träume und großen Ziele auf die richtige Weise nutzen müssen, damit sie in uns wirklich neue Energiereserven freisetzen und uns in die Zukunft tragen können. Sie erkannte: wenn wir Positives Denken mit bestimmten psychologischen Mechanismen und Übungen kombinieren, kann das das Geheimnis sein, um langfristig unsere Ziele wirklich in die Realität umsetzen zu können. Sie widmete den Rest ihrer wissenschaftlichen Karriere der Erforschung dieser Formel für die Erreichung unserer Ziele und entwickelte so eine simple Technik, die den Personen, die sie praktizierten, nachgewiesenermaßen zu einem glücklicheren, gesünderen, produktiveren und erfolgreichen Leben verhalf. 

Wie Du diese einfache Technik täglich in Deinem Leben anwenden kannst, warum dafür schon zwei bis drei Minuten am Tag reichen und wie Deine Träume Dich energetisieren können anstatt Dir Deine Energie zu rauben – das erfährst Du im zweiten Teil dieses Artikels, der in zwei Wochen hier erscheint. Trag Dich am besten schnell in den Newsletter ein, wenn Du das nicht verpassen möchtest!

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